{"id":1860,"date":"2023-05-01T17:31:36","date_gmt":"2023-05-01T15:31:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.amplonius-novus.de\/?p=1860"},"modified":"2023-05-01T17:31:36","modified_gmt":"2023-05-01T15:31:36","slug":"1-mai-1412-die-stiftung-des-amplonius","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.amplonius-novus.de\/?p=1860","title":{"rendered":"1. Mai 1412: Die Stiftung des Amplonius"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[\u00dcber] <em>600 Jahre ist es her, dass der gelehrte Arzt und Theologe Amplonius Rating aus Rheinberg am ersten Maisonntag des Jahres 1412 seine \u00fcberaus umfangreiche und gro\u00dfartige Privatbibliothek in das Eigentum einer Stiftung \u00fcberf\u00fchrte, die ihren ewigen Sitz in Erfurt haben sollte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es war der 1. Mai, und es war ein \u201aSonntag Cantante\u2019 an dem Amplonius in K\u00f6ln einen Rechtsakt vollzog, durch den er zu einer herausragenden Figur der europ\u00e4ischen Bibliotheks- und Kulturgeschichte werden sollte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius n\u00e4herte sich 1412 seinem 50. Lebensjahr. \u2013 Wir wissen leider nicht genau, wann er geboren wurde. Einzig aus dem Datum seiner ersten gro\u00dfen akademischen Pr\u00fcfung, dem Bakkalaureatsexamen, k\u00f6nnen wir ableiten, dass er sp\u00e4testens im Winter 1365\/66 das Licht der Welt erblickt haben muss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mit Ende 40 befand sich ein Mensch, nach mittelalterlichen Ma\u00dfst\u00e4ben, bereits in einem recht fortge-schrittenem Alter. Doch als \u201aalten\u2018 Mann m\u00fcssen wir uns Amplonius zu dieser Zeit wohl noch nicht vorstellen. Denn immerhin wird er noch bis in die 1430er Jahre hinein (also \u00a0f\u00fcr mehr als zwei Jahrzehnte) als Leibarzt der Erzbisch\u00f6fe von K\u00f6ln und Mainz beruflich t\u00e4tig sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mit Ende 40 konnte Amplonius auf eine beeindruckende Karriere als Mediziner, Universit\u00e4tslehrer und Kirchenmann zur\u00fcckblicken: Geboren in Rheinberg, als eines von mehreren Kindern einer wohlhabenden Familie, war er offenbar schon als Kind f\u00fcr eine kirchlich-akademische Laufbahn bestimmt worden. Schon als kleiner Junge n\u00e4mlich wurde er von seinen Eltern auf die Schule des Stiftes St. Patroclus nach Soest geschickt, wo er Latein lernte und in die Lehrinhalte der sieben freien K\u00fcnste eingef\u00fchrt wurde. Das uni-versit\u00e4re Studium der \u201aArtes liberales\u2018 absolvierte er bis 1387 in Prag, bevor er sich noch in Prag \u2013 und sp\u00e4ter dann in K\u00f6ln \u2013 dem Studium der Medizin zuwenden konnte. Amplonius blieb damals nicht sehr lange in K\u00f6ln, denn schon 1392 wechselte er als frisch examierter Mediziner an die soeben gegr\u00fcndete Erfurter Uni-versit\u00e4t. Im Eiltempo schreitet hier seine akademische Karriere voran: Promotion (heute w\u00fcrde man sagen Habilitation) zum Dr. med. wohl im Winter 1393, dann, im Mai 1394 die Wahl zum Rektor der Universit\u00e4t.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Doch Erfurt wird keineswegs die letzte Station des gerade einmal drei\u00dfigj\u00e4hrigen, ehrgeizigen jungen Professors bleiben. Schon im Fr\u00fchjahr 1395 verl\u00e4sst er die Stadt, in die er danach nur noch besuchsweise zur\u00fcckkehren wird, und die er dennoch 1412 mit seiner epochalen Stiftung auszeichnen wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wohin genau Amplonius sich unmittelbar nach seiner Erfurter Zeit wendet, womit er sich besch\u00e4ftigt und auf welche Weise er jenen Reichtum erwirbt, der es ihm erm\u00f6glicht, seine grandiose Bibliothek aufzubauen \u2026 wir wissen es nicht! Ob er in dieser Zeit in K\u00f6ln, ganz prosaisch, einen medizinischen Lehrstuhl erhielt und sich als Arzt und Gelehrter weiter profilierte, oder ob er gro\u00dfe Reisen unternahm \u2026 wir k\u00f6nnen es nicht sagen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie auch immer: Sp\u00e4testens im M\u00e4rz 1399 ist Amplonius wieder in K\u00f6ln zu finden, wie der Kaufeintrag in einer Handschrift belegt, und noch im selben Jahr \u00fcbernimmt er ein zweisemestriges Rektorat an der dorti-gen Universit\u00e4t. 1401 dann r\u00fcckt er in die Position eines Leibarztes beim K\u00f6lner Erzbischof Friedrich von Saarwerden ein und scheint beruflich irgendwie \u201aangekommen\u2018. \u2013 Sehr viel mehr als der Leibarzt eines wichtigen Erzbischofs oder eines K\u00f6nigs zu werden, das \u201ageht\u2018 f\u00fcr einen mittelalterlichen Mediziner einfach nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und auch privat schafft Amplonius sich nun einen festeren Rahmen: Er verbindet sich mit der Herforder B\u00fcrgertochter Kunigunde von Hagen, die Ende August 1403 den Sohn Amplonius jun. zur Welt bringt. Auf ihn werden bis etwa 1410 noch mindestens drei weitere Kinder (Helena, Agnes und Dionysius) folgen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kunigunde, die gut 20 Jahre j\u00fcnger als ihr Lebensgef\u00e4hrte gewesen sein muss, war sicherlich keine einfache Haush\u00e4lterin oder K\u00f6chin, mit der der alternde Amplonius zuf\u00e4llig einige Kinder zeugte und von der er sich nach einigen Jahren dann wieder trennte. Ganz im Gegenteil gibt es Hinweise darauf, dass diese Frau, die aus einer hoch angesehenen B\u00fcrgerfamilie der Stadt Herford stammte, bis zu Amplonius\u2018 Tod menschlich eng mit ihm verbunden war. Wie hoch die Wertsch\u00e4tzung des Amplonius f\u00fcr Kunigunde war, zeigt sich auch in den letzten Festlegungen \u00fcber seine Erfurter Kollegienstiftung aus dem Jahre 1435. Hierin bezeichnet er Kunigunde als \u201ehonesta matrona\u201c (als ehrhafte Frau) und ehrt sie bzw. ihre Familie mit dem Recht, eine Stipendiatenstelle in der \u201aPorta Coeli\u2018 zu besetzen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Zwar recht \u00fcblich f\u00fcr diese Zeit und gesellschaftlich durchaus akzeptiert, lag der Verbindung zwischen Amplonius und seiner Gef\u00e4hrtin allerdings keine rechtsg\u00fcltige Eheschlie\u00dfung zugrunde. Denn Amplonius war zu dieser Zeit schon seit langem ein Kirchenmann: Die erste Anwartschaft auf eine Kanonikerstelle, der einige weitere folgen sollten, hatte sein Vater f\u00fcr ihn bereits als Kind im Stift St. Patroclus zu Soest erworben. Seit den sp\u00e4ten 1390er Jahren nun war Amplonius auch Kanoniker von St. Aposteln zu K\u00f6ln, wo er in einem eigenen Haus auf dem Gel\u00e4nde des Stiftes lebte und um 1412 als Leiter des Chorgesangs (als \u201aChoriepis-copus\u2018) zu den f\u00fchrenden M\u00e4nnern des Stiftes z\u00e4hlte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Als Stiftskanoniker geh\u00f6rte Amplonius einer Personengruppe an, deren Verbindungen zu ungebundenen Frauen im Mittelalter meist toleriert wurden. Da ein Stiftskanoniker \u2013 anders als ein M\u00f6nch \u2013 keinem Orden beigetreten war und keine m\u00f6nchischen Gel\u00fcbde ablegen musste, war ihm der Besitz von Privatverm\u00f6gen erlaubt und er war auch nicht zum Z\u00f6libat verpflichtet, solange er nur die niederen Weihen erhalten hatte. Die Kinder aus solchen Verbindungen galten allerdings als unehelich. \u2013 Amplonius aber war schon vor seiner Verbindung zu Kunigunde zum Diakon geweiht worden und hatte damit eine h\u00f6here Weihe erhalten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius stand stets zu den Kindern aus seiner Beziehung mit Kunigunde: Allen Vieren muss er kost-spielige p\u00e4pstliche Dispense zur Kompensierung ihrer unehelichen Geburt verschafft haben: Andernfalls w\u00e4re es schier unm\u00f6glich gewesen, die beiden T\u00f6chter in eines der vornehmsten Stifte der Stadt Mainz einzukaufen und beiden S\u00f6hnen Kanonikate zu verschaffen sowie ihnen ein lang dauerndes Universit\u00e4ts-studium zu erm\u00f6glichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Als Amplonius nun im Mai 1412 seine Bibliothek in eine Stiftung \u00fcberf\u00fchrte, war er als Universit\u00e4tslehrer, Leibarzt, Stiftsherr und Familienvater ein bereits \u201aetablierter\u2018 Mann. Seine B\u00fcchersammlung d\u00fcrfte auch da-mals schon legend\u00e4r gewesen sein: Kein Privatmann n\u00f6rdlich und wahrscheinlich auch nicht s\u00fcdlich der Alpen besa\u00df zu dieser Zeit \u2013 Jahrzehnte vor der Erfindung des Buchdrucks \u2013 eine gr\u00f6\u00dfere und intellektuell anspruchsvollere Bibliothek als der Dr. med. und Magister Artium Amplonius Rating aus Rheinberg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Was f\u00fcr ein bemerkenswerter Vorgang also, diesen reichen B\u00fccherschatz mit einmal aus der Hand zu geben und ihn einer Institution zu \u00fcbertragen, die eigentlich noch gar nicht ihren Betrieb aufgenommen hatte \u2013 denn auch das \u201aCollegium Porta Coeli\u2018 wurde erst an diesem Tag gestiftet und war zuk\u00fcnftig noch in jenen H\u00e4usern in der Erfurter Michaelisstra\u00dfe zu etablieren, die Amplonius vom Rat der Stadt f\u00fcr sein Collegium \u00fcberlassenen worden waren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Und: Was f\u00fcr ein eigent\u00fcmlich privater Rahmen, an diesem ersten Mai des Jahres 1412, an dem Amplonius f\u00fcnf M\u00e4nner zur Abendstunde in seine Stiftskurie gerufen hatte, um den folgenreichen Rechtsakt zu voll-ziehen und die epochale Schenkung zu beurkunden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieses Haus, in dem sich die M\u00e4nner einfanden, lag mitten in K\u00f6ln auf dem Gel\u00e4nde des Stiftes St. Aposteln. Das Stiftsgel\u00e4nde, die sogenannte \u201aImmunit\u00e4t\u2018, war eine Welt f\u00fcr sich: Die vielf\u00e4ltigen Ger\u00e4usche der Stadt wurden ged\u00e4mpft durch die hohen und alten Mauern, die das Gel\u00e4nde umgaben. Hinter dem m\u00e4chtigen romanischen Chor der Kirche erstreckten sich die Reste der r\u00f6mischen Stadtmauer, die die Immunit\u00e4t vom stets belebten Neumarkt abtrennten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hier also lebte Amplonius seit den sp\u00e4ten 1390er Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 1435 \u2013 mit Unter-brechungen \u2013 f\u00fcr etwa vier Jahrzehnte in einem der schmalen hohen H\u00e4user der Stiftsherren, einer soge-nannten Kurie. Ich vermute, dass es ein ruhiges Haus gewesen ist, in dem kein Kindergeschrei zu h\u00f6ren war, obwohl Amplonius zu dieser Zeit Vater von vier kleinen Kindern war. Ich nehme n\u00e4mlich an, dass Kunigunde von Hagen doch eher in einem standesgem\u00e4\u00dfen eigenen Haushalt in der N\u00e4he lebte, zusammen mit den gemeinsamen Kindern, ihren M\u00e4gden, einer Amme und dem Hausgesinde. \u2013 Geld f\u00fcr eine doppelte Haus-haltsf\u00fchrung m\u00fc\u00dfte vorhanden gewesen sein, da Amplonius ein verm\u00f6gender Mann war und auch Kunigunde aus einer wohlhabenden Familie stammte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius selbst, so glaube ich, bewohnte mit einem oder mehreren jungen M\u00e4nnern, die ihm als Schreiber und Sekret\u00e4re dienten, die Stiftskurie, die ich mir als das \u201aGeh\u00e4use\u2018 eines Gelehrten, als gro\u00dfes \u201aArbeits-zimmer\u2018 und B\u00fccherlager vorstelle.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wer am Anfang des 15. Jahrunderts in das K\u00f6lner Haus des Amplonius eintrat und so die Ger\u00e4usche und Ger\u00fcche der Stadt hinter sich lie\u00df, der muss sich in einer ganz eigenen \u201aWelt\u2019 wiedergefunden haben. Schon im Flur wird sich der Geruch der frischen Binsen oder Ruten, mit denen die Dielen \u00fcblicherweise ausgelegt waren, mit anderen eigent\u00fcmlichen Ger\u00fcchen des Hauses vermischt haben: Mit dem Geruch von exotischen und einheimischen Gew\u00fcrzen und Kr\u00e4utern, die Amplonius als Zutaten f\u00fcr seine Medikamente dienten, und von denen er sicherlich stets ein wenig auf Vorrat zur Hand hatte. Aber auch mit dem Geruch der vielen B\u00fccher: Dem Geruch von trockenem Leder, Papier und Pergament.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00dcberhaupt, die vielen B\u00fccher: Rund 18 bis 20 laufende Meter, mindestens 633 B\u00e4nde aller universit\u00e4ren Wissensgebiete, von der Mathematik und Astronomie \u00fcber die Naturphilosophie und Medizin bis zur Theo-logie, hatte Amplonius bis 1412 mit h\u00f6chster Kennerschaft und Liebe zum Detail zusammengebracht \u2013 so weist es der Katalog der Bibliothek aus, den Amplonius mit eigener Hand um 1410\/12 abgeschrieben hatte. Kein Text in dieser B\u00fcchersammlung war wie der andere, auch wenn auf den ersten Blick die Standard-autoren mittelalterlicher Theologie, Naturphilosophie und Medizin in vielfachen Ausgaben und vermeintlich doublett vorhanden waren. Beim genaueren Hinsehen offenbarte sich dem Kenner jedoch, dass es Amplonius w\u00e4hrend der vergangenen rund drei\u00dfig Jahre seiner Sammelt\u00e4tigkeit gelungen war, unterschied-lichste \u00dcbersetzungen, Kommentare und Textzusammen\u00adstellungen seiner Lieblingsautoren zusammenzu-tragen und so seiner Sammlung ein einzigartiges Profil von schwer zu \u00fcbertreffender inhaltlicher Qualit\u00e4t zu geben: Nein, hier war wahrlich kein Text wie der andere, hier waren die besten Textausgaben versammelt, die auf dem B\u00fcchermarkt in den letzten Jahrzehnten zu haben gewesen waren!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Doch Amplonius, der Hausherr, war nicht nur B\u00fccherliebhaber, sondern auch ein praktizierender gelehrter Arzt, in dessen Haus sich Gef\u00e4\u00dfe und Ger\u00e4tschaften f\u00fcr die medizinische Praxis befunden haben m\u00fcssen: Neben Gl\u00e4sern f\u00fcr die Urinschau und anderen Utensilien verf\u00fcgte Amplonius wahrscheinlich \u00fcber zahlreiche astronomische Ger\u00e4te wie Astrolab, Quadrant und Sonnenuhr, um jene astronomischen Konstellationen berechnen zu k\u00f6nnen, die es ihm nach antik-mittelalterlichem Verst\u00e4ndnis erlaubten, den rechten Be-handlungszeitpunkt f\u00fcr die angemessene \u00e4rztliche Methode zu w\u00e4hlen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius hatte nun an diesem sp\u00e4ten Nachmittag dieses \u201aSonntag Cantate\u2018 f\u00fcnf M\u00e4nner aus seinem engsten Umfeld um sich versammelt, die den Rechtsakt bezeugen sollten: Es waren dies sein Bruder Petrus und die beiden j\u00fcngeren Verwandten Gerhard von Berka und Johannes Wijssen sowie der Dekan des Stiftes St. Aposteln, Magister Johannes de Stummel. Als Notar fungierte der Mainzer Kleriker Hartung Pletzichen de Rodenberg.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Konstruktion, die Amplonius f\u00fcr die Bibliotheksstiftung w\u00e4hlte, ist genial zu nennen, zumal sie wohl bis in die Gegenwart \u201ah\u00e4lt\u2018. \u2013 \u00dcber eine juristisch korrekte Aufl\u00f6sung der Stiftung ist bisher jedenfalls noch kein Nachweis gef\u00fchrt worden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius, der Kleriker der Erzdi\u00f6zese K\u00f6ln und Professor der K\u00f6lner Universit\u00e4t, errichtet n\u00e4mlich seine Stiftung eben nicht auf dem Gebiet des Erzbistums oder in der Stadt K\u00f6ln. Und schon gar nicht verbindet er seine Stiftung unmittelbar mit einer Universit\u00e4t, sei es die K\u00f6lner oder die Erfurter. Und dies ist sehr weise, denn hatte nicht bereits die Bibliotheksstiftung des Marsilius von Inghen in Heidelberg keine 20 Jahre zuvor gelehrt, wie rasch eine solche B\u00fcchersammlung nach dem Tode des Stifters sang- und klanglos in einer Universit\u00e4tsbibliothek aufgehen konnte?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius verh\u00e4lt sich kl\u00fcger, oder sagen wir besser, er hatte ausgezeichnete juristische Berater, die eine ge-schickt verschachtelte Konstruktion ersonnen hatten: Die Stiftung eines Kollegs, das Eigent\u00fcmerin der Biblio-thek wird, durch einen k\u00f6lnischen Kleriker und Universit\u00e4tsangeh\u00f6rigen f\u00fcr Studenten aus dem K\u00f6lner Erz-bistum, die dem K\u00f6lner Metropoliten eid- und gehorsamspflichtig waren, obgleich das Collegium selbst im Universit\u00e4tsviertel der Stadt Erfurt, in der Erzdi\u00f6zese Mainz, lag. \u2013 Damit waren auf einem Fleck so viele Parteien mit potentiell widerstreitenden Interessen versammelt, dass letztlich allen irgendwie die H\u00e4nde gebunden waren, h\u00e4tten sie \u00dcbergriffe in die Autonomie des Collegiums versuchen wollen \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Verlagerung der Stiftung nach Erfurt bot zudem weitere erhebliche Vorteile: Die Stadt tat viel daf\u00fcr, um diese Stiftung zu bekommen, und bot Amplonius immerhin zwei gro\u00dfe H\u00e4user in bester Lage, nahe der Uni-versit\u00e4t an, um dort sein Collegium zu beheimaten. F\u00fcr Amplonius selbst d\u00fcrften Erfurt und seine Universi-t\u00e4t als Ort seiner Stiftung aber auch noch aus einem anderen Grund interessanter als K\u00f6ln gewesen sein: Die Stadt war wesentlich kleiner, die vom Rat stark gef\u00f6rderte Universit\u00e4t befand sich noch im Aufbau. Hier konnte seine Stiftung sehr viel besser zur Geltung kommen, als im saturierten K\u00f6ln, hier waren sehr viel weniger Menschen einflussreich genug, um ihm oder seiner Stiftung schaden zu k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u2013 Amplonius tat also einiges daf\u00fcr, dass seine Stiftung wirklich eine ewige wurde! Der Clou des Ganzen ist jedoch, dass es Amplonius mit der am 1. Mai 1412 vollzogenen \u00dcberf\u00fchrung seiner Privatbibliothek in eine Stiftung m\u00f6glich wurde, seine B\u00fcchersammlung, die er mit so viel Ehrgeiz und Sachverstand \u00fcber Jahrzehnte aufgebaut hatte, sein geistiges Erbe also, auf Dauer als Einheit zu erhalten und es vor begehrlichen \u00dcber-griffen oder unautorisiertem Zugriff zu sch\u00fctzen. Amplonius errichtete am 1. Mai 1412 eine Stiftung, die es ihm erm\u00f6glichte, sein Eigentum an den B\u00fcchern aufzugeben, ohne seinen f\u00fcr ihn ideell sicher kostbarsten Besitz zu verlieren: Denn der Stifter behielt sich den Nie\u00dfbrauch der Bibliothek bis zu seinem Tode vor.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Auch f\u00fcr die Stadt Rheinberg und ihre Bewohner war die Stiftung der Bibliothek, aber viel mehr noch die Begr\u00fcndung des Collegiums zur Himmelspforte eine gro\u00dfe Chance. Denn auch wenn es von 1412 an noch mehr als zwanzig Jahre dauern sollte, ehe das Collegium richtig \u201alief\u2018, so erm\u00f6glichten die 9 Collegiaten-stellen, die Rheinberg zur Besetzung zustanden, doch vielen jungen M\u00e4nnern aus dieser Stadt ein Universi-t\u00e4tsstudium in Erfurt. Junge begabte M\u00e4nner, die sonst die Mittel f\u00fcr ein Studium vielleicht gar nicht h\u00e4tten aufbringen k\u00f6nnen. Die Stadt Rheinberg selbst profitierte in zweierlei Hinsicht von diesen Stipendien: Die Stadtschule, die seit mindestens 1337 bestand, wurde enorm aufgewertet, da durch die Stiftung des Amplonius gesichert wurde, dass ihr Rektor ein gr\u00fcndlich in den \u201aArtes liberales\u2018 ausgebildeter Akademiker war. \u2013 Denn jeweils ein Stipendiat der \u201aPorta Coeli\u2018 musste nach dem Magisterexamen f\u00fcr vier Jahre als Rektor an die Rheinberger Stadtschule zur\u00fcckgehen, bevor er sein Studium an einer der h\u00f6heren Fakult\u00e4ten in Erfurt fortsetzen durfte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Amplonius, der selbst wohl ein gro\u00dfer Netzwerker gewesen ist, legte so die Grundlagen f\u00fcr ein neues akade-misches Netzwerk, in dessen Zentrum Rheinberg und die \u201aPorta Coeli\u2018 standen: Gut ausgebildete junge Rheinberger rekrutierten den Nachwuchs f\u00fcr das Colleg in der heimatlichen Schule. Den ausgebildeten Rheinberger Akademikern standen nach ihrem Studium dann manigfaltige Karrierem\u00f6glichkeiten in Kirche, Universit\u00e4t und Gesellschaft offen. Waren Sie erst einmal beruflich und gesellschaftlich etabliert, so konnten sie j\u00fcngere Angeh\u00f6rige dieses Rheinberger Netzwerkes weiter f\u00f6rdern, mit denen sie in der Regel auch ver-wandtschaftlich in irgendeiner Weise verbunden gewesen sein d\u00fcrften, denn auch in Rheinberg waren die gesellschaftlichen Kreise zweifelsfrei relativ geschlossen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Doch kommen wir zur\u00fcck zum 1. Mai, zum \u201aSonntag Cantate\u2018 des Jahres 1412.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mit dem Schenkungsakt, dessen 600hundersten Jahrestag wir nun begehen k\u00f6nnen, wurde aus der privaten B\u00fcchersammlung des Amplonius eine durch Stiftungsrecht gesch\u00fctzte Institution, die noch heute als \u201aBibliotheca Amploniana\u2019 Bestand hat.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Diese Bibliotheksstiftung im Verein mit der Stiftung des Studienkollegs \u201aZur Himmelspforte\u2019 (\u201aAd Portam Coeli\u2018) verlieh dem intellektuell wie materiell reich beg\u00fcterten akademischen Aufsteiger b\u00fcrgerlicher Her-kunft, dem Dr. med. Amplonius Rating aus Rheinberg, aber nicht nur gesellschaftlichen Ruhm und Glanz als gro\u00dfz\u00fcgiger Spender. Diese Stiftung sicherte ihm dar\u00fcber hinaus auch einen bedeutenden Platz in der Bildungs- und Bibliotheksgeschichte des sp\u00e4ten Mittelalters und der fr\u00fchen Neuzeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Die Stiftung des Jahres 1412 hat aus Amplonius de Berka eine bedeutende Figur der europ\u00e4ischen Kultur-geschichte gemacht, und ihm, dem ehrgeizigen Sammler, ein St\u00fcck Unsterblickeit verliehen. Doch, und da bin ich mir ziemlich sicher: Genau das hatte Amplonius letztlich wahrscheinlich auch irgendwie so gewollt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rede von Frau Dr. Brigitte Pfeil am 6. Mai 2012 auf dem Festakt der Stadt Rheinberg zum Jubil\u00e4um<em> \u201e600 Jahre Amplonianische Stiftung\u201c.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[\u00dcber] 600 Jahre ist es her, dass der gelehrte Arzt und Theologe Amplonius Rating aus Rheinberg am ersten Maisonntag des Jahres 1412 seine \u00fcberaus umfangreiche und gro\u00dfartige Privatbibliothek in das Eigentum einer Stiftung \u00fcberf\u00fchrte, die ihren ewigen Sitz in Erfurt haben sollte. Es war der 1. 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