Amplonius NOVUS

Flyer Amplonius NOVUS 2014                            ppt Amplonius NOVUS

Die erste Amplonianische Stiftung

Am 1. Mai 1412 rief Amplonius Rating de Berka seine Studienstiftung ‚Collegium Porta Coeli‘ ins Leben, mit der er auch zahlreichen Schülern der Rheinberger Lateinschule ein Studium an der Universität Erfurt und damit einen Zugang zu profunder Bildung ermöglichte.

Unterschrift Amplonius 6   Unterschrift des Amplonius de Berka

Amplonius legte seine Stiftung bereits 1412 und auch in den späteren Statuten „auf Ewigkeit“ an („zeu ewigin zeyten“). Die juristische Konstruktion, die der Stifter zur Sicherung dieses Ewigkeitsgedankens für seine Bibliotheksstiftung im Verein mit der Stiftung des Studienkollegs „Zur Himmelspforte“ („Ad Portam Coeli“) wählte, ist genial zu nennen, – zumal diese Konstruktion wohl bis weit an die Gegenwart heran „gehalten“ hat. Erst in allerjüngster Zeit scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass die Stiftung nach dem 2. Weltkrieg aufgelöst worden ist (s.u.)

Porta Coeli LageplanIn den Jahren nach Amplonius‘ Tod (um Ostern 1435) machte seine Stiftung einen rasanten Aufschwung und schon 1439 wurde das ‚Collegium Amplonianum‘ an der Leitung der Artistenfakultät beteiligt. Auch in finanzieller Hinsicht stand die Stiftung offensichtlich auf einer gesunden Basis und finanzierte sich aus den Erträgen des Stiftungsvermögens, aus Nachlässen, Zustiftungen ehemaliger Stipendiaten und auch aus Zahlungen derjenigen, die im Haus des Collegs in der Erfurter Michaelisstraße verköstigt wurden und dort wohnten, ohne jedoch Stipendiaten zu sein. Anno 1503 stiftete Tileman Gans aus Herborn eine weitere Collegiatenstelle, deren Vorschlagsrecht der Stadt Herborn zustand.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts sank an der Hierana, der Universität an der Gera, die Zahl der Studenten dramatisch. Diese Entwicklung hatte negative Auswirkungen auch auf das Colleg des Amplonius, das darüber hinaus durch finanzielle Fehlentwicklungen in eine wirtschaftliche Schieflage geraten war. In der Phase des Aufschwungs erworbene Gebäude mussten veräußert werden; das Collegium verkleinerte sich und war letztlich nur noch in den ursprünglichen Domizilen an der Michaelisstraße präsent.

Unter den Dekanen Hugo Imhof und Hermann Zurlinden aus Amplonius‘ Heimatstadt Rheinberg prosperierte das ‚Collegium Amplonii‘ am Ende der 16. und am Beginn des 17. Jahrhundert wieder für eine gewisse Zeit (es waren mittlerweile auch Protestanten als Collegiaten zugelassen!), doch mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges spitzte sich die finanzielle Lage wieder drastisch zu, nachdem auch die Zinszahlungen des Erfurter Rates 1628 ersatzlos gestrichen worden waren.

Porta Coeli   „Porta Coeli“ in der Michaelisstraße zu Erfurt

Die Stiftung lebt weiter …

Mit der Einverleibung Erfurts nach Preußen und der Schließung der Erfurter Universität im Jahre 1816 wurde auch dem ‚Collegium Amplonii‘ die Existenzgrundlage entzogen. Der letzte Dekan des Collegs, M. Jacob Dominicus, wurde an den Rhein nach Koblenz versetzt und verfügte, dass die ‚Bibliotheca Amploniana‘ in Erfurt verbleiben sollte – wo sie sich heute noch befindet.

Der preußische Staat übernahm die Gebäulichkeiten und die Bibliothek und gab der Stiftung eine neue Verfassung. Dieser Verfassung zufolge behielt Rheinberg das Recht, aus dem Stiftungsvermögen acht Stipendien zu verleihen. Die Aufsicht über die Verleihungen der Stipendien durch den Rheinberger Stadtrat, bei der auf die Konfession der Bewerber keine Rücksicht mehr genommen werden sollte, wurde durch die Düsseldorfer Regierung ausgeübt. Die Stipendien für Universitätsstudenten sollten für drei Jahre verliehen werden. Zu Beginn des letzten Halbjahres der dreijährigen Genußzeit hatte der Inhaber eine lateinische Dissertation zu verfassen. Kam er dieser Forderung nicht nach oder genügte die Leistung nicht, so verlor der Inhaber sein Stipendium.

Am 22. April 1898 erfolgte durch die preußische Regierung in Berlin eine erneute Bestimmung des Statuts für die Amplonianische Stiftung zu Erfurt durch einen Erlass des Ministers der geistlichen, Unterrichts,- und Medizinal-Angelegenheiten (U.I. Nr. 10485). Hier wurde noch einmal das im Testament des Stifters vom 22. Dezember 1435 verfügte Verleihungsrecht bestätigt: neben Rheinberg standen den Städten Soest und Herford je ein, den Städten Erfurt und Erpel je zwei Stipendien zu. „Nur der Stadt Rheinberg wird es gestattet, drei Schülern eines Gymnasiums oder Realgymnasiums Stipendien zu verleihen.“ [1]

Dr. Aloys Wittrup, der 1903 die alte Lateinschule Rheinbergs (geschlossen 1889) in der Rektoratschule (als Keimzelle für das spätere Amplonius-Gymnasium) wieder aufleben ließ, schreibt in seiner Schulgeschichte der Stadt Rheinberg zum weiteren Verlauf der Amplonianischen Stiftung Folgendes: „1832 waren vom Rheinberger Stadtrat die Studenten Julius Plock, Christian Willick und Hermann Breiken begnadigt. In der Folgezeit verlieh derselbe Stadtrat fünf Stipendien an Universitätsstudenten. Drei konnten an Gymnasiasten der drei oberen Klassen gegeben werden. Nach der Inflation, die dem ersten Weltkrieg folgte, mußte die Stadt Erfurt die Stiftung wieder aufwerten, so daß allmählich wieder Stipendien ausgezahlt werden konnten.

Das (vorläufige) Ende

Als nach dem zweiten Weltkrieg Erfurt unter die russische Besatzung kam, waren die Rheinberger Stadtväter nicht mehr in der Lage, ihre alten Rechte bezüglich der Amplonianischen Stiftung zu wahren. […]“ [2]

Am 26. März 1947 wurde Amplonius‘ Stiftung – zusammen mit weiteren „alten“ Stiftungen – durch Erlass des Ministers für Justiz des Landes Thüringen aufgehoben und in einer neu errichteten Stiftung öffentlichen Rechts vereinigt, die den Namen „Vereinigte Kirchen- und Klosterkammer“ führte und ihren Sitz in Weimar (später Erfurt) hatte.

Damit war 535 Jahre nach Gründung der Stiftung das weitsichtige und großherzige Werk des Amplonius Rating de Berka, das geprägt war von dem Gedanken, jungen Bürgerinnen und Bürgern seiner Heimatstadt zu einer guten akademischen Ausbildung und Bildung zu verhelfen, bei dem von Anfang an eine für seine Zeit ungewöhnliche soziale Denkweise die Richtung angab, zu einem juristischen Ende gekommen.Geburtshaus

Lebendige Tradition

Der Gedanke aber lebte weiter, z. B. im Rat der Stadt Rheinberg, der 1952 die für damalige Verhältnisse enorme Summe von DM 30.000 für das Wiederaufleben der Amplonianischen Stiftung zur Verfügung zu stellte.

Hans Josef Jansen schreibt darüber in seinem Beitrag zu einer Festschrift des Amplonius-Gymnasiums:[3] Dieses Geld wurde so gut angelegt, dass aus seinen Erträgen bedürftige Rheinberger Studenten unterstützt werden konnten. Hier handelte der Stadtrat ganz im Geiste des Amplonius.

Mit Verweis auf die seinerzeit wichtige Studienförderung des Honnefer Modells wurde 1967 die Stipendienvergabe auf die Ausgabe von Darlehen umgestellt. Die letzten Darlehen wurden 1975 zugeteilt. Das angesammelte Vermögen sollte als Amplonianische Stiftung erhalten bleiben. Damit wurde es erst einmal sehr ruhig um das Erbe des Amplonius, und erst in einem Zeitungsbericht aus dem Jahre 1988 wurde bekannt, dass das Vermögen auf etwa 133 000 DM angewachsen war.

Es stellte sich nun natürlich die Frage, wie dieses Geld im Sinne des Stifters zu verwenden sei. Eine lange Phase des Überlegens setzte ein, bis man schließlich 1993 zu dem Entschluss kam, verschiedene schulische Projekte in Hohenstein-Ernstthal, unserer Partnerstadt, und selbstverständlich auch in Rheinberg mit diesem Geld zu fördern. Diese Verteilung konnte durchaus als im Sinne des Amplonius vertreten werden.

Ein Rest des Vermögens wurde in einen ‚Archivfonds Amplonianische Stiftung‘ eingebracht. Die Zielsetzung dieses Fonds ist, ‚…die Wahrung und Pflege des Stiftungsgedankens durch geschichtliche Aufarbeitung in Form der Erstellung einer Dokumentation über die Amplonianische Stiftung sowie die Person ihres Namens und dessen Wirken, durch die Sammlung von Literatur, die sich mit der Stiftung bzw. ihren Namensgeber auseinandersetzt‘.“

Amplonius NOVUS – die NEUE Stiftung!

2012, zum 600-jährigen Gedenken an die großzügige und weitsichtige Stiftung des Amplonius, entstand die Idee, die Stiftung an „seiner“ Schule wiederaufleben zu lassen und Absolventen des Amplonius-Gymnasiums – ganz im Sine des Amplonius Rating de Berka – tatkräftig, d.h. finanziell, zu unterstützen. Der Schulleiter des Amplonius-Gymnasiums, OStD Heinz Pannenbecker, sagte in seiner Rede anlässlich des Festaktes des Stadt Rheinberg am 6. Mai 2012:

„Wie wäre es, wenn die zwischen 2000 und 2012 aufgelaufene Summe (von den vielen nicht gezahlten Gulden für meine Vorgänger möchte ich an dieser Stelle lieber nicht sprechen!) als Grundstock für eine neue Amplonianische Stiftung genommen wird, mit der wir Rheinberger Gymnasiasten sowie Studierende finanziell fördern?

Es gibt immer wieder – und gerade heute – an unserer Schule junge Menschen, die talentiert und motiviert sind, aber aus finanziellen Gründen ihre Ziele nicht anstreben können. Die Geldmittel unseres „Amplonius-Fonds“ reichen hier leider nicht aus, um langfristige Unterstützung zu garantieren.

image004Nehmen wir also die aufgelaufenen Goldgulden aus dem städtischen Gelöbnis von 1433! Ich bin gern bereit, einen privaten Betrag dazuzulegen, – und wenn dann alle hier im Saal, die zu Ehren des Amplonius gekommen sind, auch etwas dazugeben, wir außerdem noch ein paar Rheinberger, die heute leider nicht kommen konnten, um einen Beitrag bitten, dann haben wir ruck-zuck ein gar erkleckliches Sümmchen parat, um mit Zins und Zinseszins die nächsten 600 Jahre Bildungs- und Studienförderung in Rheinberg zu betreiben!

Wenn wir dann noch den Nachfolger des Amplonius in der Leitung der Universität Erfurt, Herrn Prof. Dr. Brodersen (den ich hier ganz herzlich begrüßen möchte!), dafür gewinnen könnten, sich dieser neuen Amplonianischen Stiftung auf die eine oder andere Weise anzuschließen (könnte es nicht z. B. die Möglichkeit geben, einen/mehrere Studenten aus Rheinberg besonders zu fördern?), dann würde aus unserem heutigen Gedenken an Vergangenes eine neue Perspektive für Zukünftiges werden.

Keine Angst: ich werde nicht gleich mit meinem Hut am Ausgang stehen und Geld einsammeln. Ich denke, Sie, liebe Festgemeinde, sollten darüber in Ruhe nachdenken, und ich verspreche Ihnen hier und heute, den Gedanken weiterzuverfolgen und zu realisieren.

Lassen Sie uns also gemeinsam versuchen, die Amplonianischen Stiftung NEU aufzulegen! Zum Lob und Angedenken an den ‚Ersame Her Amplonius Ratinck van Berke in den vryen kunsten Meister ind der kunsten van artzedyen Doctoir‘.“[4]

Die ganze Rede von OStD Pannenbecker finden Sie hier:    2012 Rede Festakt Stadt Rheinberg

Die Förderung studierwilliger Absolventen des Amplonius-Gymnasiums soll – so die später erarbeitete Satzung der neuen Stiftung – entweder durch ein Lebenshaltungsstipendium oder durch ein Büchergeld geschehen. Die Stiftung wird satzungsgemäß (zunächst) mit einem Vermögen von 50.000 € (in Worten fünfzigtausend Euro) ausgestattet.

Mit der Unterstützung von Herrn Emil Underberg gelang es Schulleiter Heinz Pannenbecker, zahlreiche Freunde des Amplonius-Gymnasiums zu bewegen, sich in die neue Stiftung einzubringen. Die Neue Stiftung befindet sich zur Zeit im Aufbau.

Amplonius NOVUS wendet sich an alle ehemaligen Amplonianerinnen und Amplonianer und an alle Freunde und Unterstützer der Schule, denn Amplonius NOVUS ist als Gemeinschaftsprojekt gedacht. Die Stiftung wird bei der Sparkasse am Niederrhein als unselbständige Stiftung innerhalb der „Stiftung Niederrheinischer Bürger“ geführt. Die ersten Anfragen von Schülerinnen und Schülern, die gefördert werden möchten, gibt es bereits.

 

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Literatur:

Jansen, Hans Josef, Über Amplonius Ratingk de Berka, den Namensgeber unserer Schule, in: Schulleitung des Amplonius-Gymnasiums (Hrsg.), Festschrift zur Eröffnung des Neubaus – 95 Jahre Amplonius-Gymnasium (1903 – 1998) und Eröffnung des naturwissenschaftlichen Neubaus (22. Juni 1998), Rheinberg 1998

Mittheilungen des Vereins für die Geschichte und Alterthumskunde von Erfurt, 9. Heft: Urkunden zur Geschichte des Amplonius de Fago II, Erfurt 1880, S. 137

Pannenbecker, Heinz, Rede anlässlich des Festaktes des Stadt Rheinberg zum 600jährigen Jubiläum der Amplonianischen Stiftung am 6. Mai 2012 in der Stadthalle Rheinberg    2012 Rede Festakt Stadt Rheinberg

Pfeil, Dr. Brigitte, Historische Hintergrundinformationen zur Amploniana – ‚Collegium Porta Coeli‘ (Erfurt) auch ‚Collegium Amplonianum‘, ‚Collegium zur Himmelspforte‘, http://www.uni-erfurt.de/amploniana/historie/porta_coeli.php

Wittrup, Dr. Aloys, Die Schulgeschichte der Stadt Rheinberg, Rheinberg o. J. (nach 1946)

 

 

 


[1] „Neues Statut für die Amplonianische Stiftung zu Erfurt“, § 10; 22. April 1898, Stadtarchiv Rheinberg

[2] Wittrup, aaO, S. 57

[3] Jansen, aaO, S.26-27

[4] Mittheilungen des Vereins für die Geschichte und Alterthumskunde von Erfurt, 9. Heft: Urkunden zur Geschichte des Amplonius de Fago II, Erfurt 1880, S. 137