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Mai 2023

Das Kalenderblatt für den Mai 2023 präsentiert eine Seite aus dem Werk des von Amplonius sehr geschätzten Mediziners Halaf ibn ʿAbbās Abū al-Qāsim al-Zahrāwī. Die hier vorliegende Ausgabe der Abhandlung „Chirurgia“ datiert vom Anfang des 14. Jh. und stammt aus Italien (heutige Signatur: UB Erfurt, Dep. Erf. CA. 4° 211).

Halaf ibn ʿAbbās Abū al-Qāsim al-Zahrāwī, latinisiert Abulcasis und Abulcasim, war ein andalusischer Arzt und Wissenschaftler arabischer Herkunft (* ca. 936 in der Kalifatsstadt Madīnat az-Zahrā – heute UNESCO Welterbe acht Kilometer westlich von Córdoba gelegen; † um 1013 ebenda). Die medizinischen Schriften dieses wohl bedeutendsten arabischsprachigen Arztes des Mittelalters haben in ihrer Kombination arabischer und griechisch-römischer Lehren die europäische Medizin bis zur Renaissance geprägt. Sein Hauptwerk, eine medizinische Enzyklopädie in 30 Bänden betitelt „at-Tasrif“, beschäftigt sich u.a. mit den Themenbereichen Chirurgie, Augenheilkunde, Orthopädie, Pharmakologie, Ernährung etc.

1. Mai 1412: Die Stiftung des Amplonius

[Über] 600 Jahre ist es her, dass der gelehrte Arzt und Theologe Amplonius Rating aus Rheinberg am ersten Maisonntag des Jahres 1412 seine überaus umfangreiche und großartige Privatbibliothek in das Eigentum einer Stiftung überführte, die ihren ewigen Sitz in Erfurt haben sollte.

Es war der 1. Mai, und es war ein ‚Sonntag Cantante’ an dem Amplonius in Köln einen Rechtsakt vollzog, durch den er zu einer herausragenden Figur der europäischen Bibliotheks- und Kulturgeschichte werden sollte.

Amplonius näherte sich 1412 seinem 50. Lebensjahr. – Wir wissen leider nicht genau, wann er geboren wurde. Einzig aus dem Datum seiner ersten großen akademischen Prüfung, dem Bakkalaureatsexamen, können wir ableiten, dass er spätestens im Winter 1365/66 das Licht der Welt erblickt haben muss.

Mit Ende 40 befand sich ein Mensch, nach mittelalterlichen Maßstäben, bereits in einem recht fortge-schrittenem Alter. Doch als ‚alten‘ Mann müssen wir uns Amplonius zu dieser Zeit wohl noch nicht vorstellen. Denn immerhin wird er noch bis in die 1430er Jahre hinein (also  für mehr als zwei Jahrzehnte) als Leibarzt der Erzbischöfe von Köln und Mainz beruflich tätig sein.

Mit Ende 40 konnte Amplonius auf eine beeindruckende Karriere als Mediziner, Universitätslehrer und Kirchenmann zurückblicken: Geboren in Rheinberg, als eines von mehreren Kindern einer wohlhabenden Familie, war er offenbar schon als Kind für eine kirchlich-akademische Laufbahn bestimmt worden. Schon als kleiner Junge nämlich wurde er von seinen Eltern auf die Schule des Stiftes St. Patroclus nach Soest geschickt, wo er Latein lernte und in die Lehrinhalte der sieben freien Künste eingeführt wurde. Das uni-versitäre Studium der ‚Artes liberales‘ absolvierte er bis 1387 in Prag, bevor er sich noch in Prag – und später dann in Köln – dem Studium der Medizin zuwenden konnte. Amplonius blieb damals nicht sehr lange in Köln, denn schon 1392 wechselte er als frisch examierter Mediziner an die soeben gegründete Erfurter Uni-versität. Im Eiltempo schreitet hier seine akademische Karriere voran: Promotion (heute würde man sagen Habilitation) zum Dr. med. wohl im Winter 1393, dann, im Mai 1394 die Wahl zum Rektor der Universität.

Doch Erfurt wird keineswegs die letzte Station des gerade einmal dreißigjährigen, ehrgeizigen jungen Professors bleiben. Schon im Frühjahr 1395 verlässt er die Stadt, in die er danach nur noch besuchsweise zurückkehren wird, und die er dennoch 1412 mit seiner epochalen Stiftung auszeichnen wird.

Wohin genau Amplonius sich unmittelbar nach seiner Erfurter Zeit wendet, womit er sich beschäftigt und auf welche Weise er jenen Reichtum erwirbt, der es ihm ermöglicht, seine grandiose Bibliothek aufzubauen … wir wissen es nicht! Ob er in dieser Zeit in Köln, ganz prosaisch, einen medizinischen Lehrstuhl erhielt und sich als Arzt und Gelehrter weiter profilierte, oder ob er große Reisen unternahm … wir können es nicht sagen!

Wie auch immer: Spätestens im März 1399 ist Amplonius wieder in Köln zu finden, wie der Kaufeintrag in einer Handschrift belegt, und noch im selben Jahr übernimmt er ein zweisemestriges Rektorat an der dorti-gen Universität. 1401 dann rückt er in die Position eines Leibarztes beim Kölner Erzbischof Friedrich von Saarwerden ein und scheint beruflich irgendwie ‚angekommen‘. – Sehr viel mehr als der Leibarzt eines wichtigen Erzbischofs oder eines Königs zu werden, das ‚geht‘ für einen mittelalterlichen Mediziner einfach nicht.

Und auch privat schafft Amplonius sich nun einen festeren Rahmen: Er verbindet sich mit der Herforder Bürgertochter Kunigunde von Hagen, die Ende August 1403 den Sohn Amplonius jun. zur Welt bringt. Auf ihn werden bis etwa 1410 noch mindestens drei weitere Kinder (Helena, Agnes und Dionysius) folgen.

Kunigunde, die gut 20 Jahre jünger als ihr Lebensgefährte gewesen sein muss, war sicherlich keine einfache Haushälterin oder Köchin, mit der der alternde Amplonius zufällig einige Kinder zeugte und von der er sich nach einigen Jahren dann wieder trennte. Ganz im Gegenteil gibt es Hinweise darauf, dass diese Frau, die aus einer hoch angesehenen Bürgerfamilie der Stadt Herford stammte, bis zu Amplonius‘ Tod menschlich eng mit ihm verbunden war. Wie hoch die Wertschätzung des Amplonius für Kunigunde war, zeigt sich auch in den letzten Festlegungen über seine Erfurter Kollegienstiftung aus dem Jahre 1435. Hierin bezeichnet er Kunigunde als „honesta matrona“ (als ehrhafte Frau) und ehrt sie bzw. ihre Familie mit dem Recht, eine Stipendiatenstelle in der ‚Porta Coeli‘ zu besetzen.

Zwar recht üblich für diese Zeit und gesellschaftlich durchaus akzeptiert, lag der Verbindung zwischen Amplonius und seiner Gefährtin allerdings keine rechtsgültige Eheschließung zugrunde. Denn Amplonius war zu dieser Zeit schon seit langem ein Kirchenmann: Die erste Anwartschaft auf eine Kanonikerstelle, der einige weitere folgen sollten, hatte sein Vater für ihn bereits als Kind im Stift St. Patroclus zu Soest erworben. Seit den späten 1390er Jahren nun war Amplonius auch Kanoniker von St. Aposteln zu Köln, wo er in einem eigenen Haus auf dem Gelände des Stiftes lebte und um 1412 als Leiter des Chorgesangs (als ‚Choriepis-copus‘) zu den führenden Männern des Stiftes zählte.

Als Stiftskanoniker gehörte Amplonius einer Personengruppe an, deren Verbindungen zu ungebundenen Frauen im Mittelalter meist toleriert wurden. Da ein Stiftskanoniker – anders als ein Mönch – keinem Orden beigetreten war und keine mönchischen Gelübde ablegen musste, war ihm der Besitz von Privatvermögen erlaubt und er war auch nicht zum Zölibat verpflichtet, solange er nur die niederen Weihen erhalten hatte. Die Kinder aus solchen Verbindungen galten allerdings als unehelich. – Amplonius aber war schon vor seiner Verbindung zu Kunigunde zum Diakon geweiht worden und hatte damit eine höhere Weihe erhalten.

Amplonius stand stets zu den Kindern aus seiner Beziehung mit Kunigunde: Allen Vieren muss er kost-spielige päpstliche Dispense zur Kompensierung ihrer unehelichen Geburt verschafft haben: Andernfalls wäre es schier unmöglich gewesen, die beiden Töchter in eines der vornehmsten Stifte der Stadt Mainz einzukaufen und beiden Söhnen Kanonikate zu verschaffen sowie ihnen ein lang dauerndes Universitäts-studium zu ermöglichen.

Als Amplonius nun im Mai 1412 seine Bibliothek in eine Stiftung überführte, war er als Universitätslehrer, Leibarzt, Stiftsherr und Familienvater ein bereits ‚etablierter‘ Mann. Seine Büchersammlung dürfte auch da-mals schon legendär gewesen sein: Kein Privatmann nördlich und wahrscheinlich auch nicht südlich der Alpen besaß zu dieser Zeit – Jahrzehnte vor der Erfindung des Buchdrucks – eine größere und intellektuell anspruchsvollere Bibliothek als der Dr. med. und Magister Artium Amplonius Rating aus Rheinberg.

Was für ein bemerkenswerter Vorgang also, diesen reichen Bücherschatz mit einmal aus der Hand zu geben und ihn einer Institution zu übertragen, die eigentlich noch gar nicht ihren Betrieb aufgenommen hatte – denn auch das ‚Collegium Porta Coeli‘ wurde erst an diesem Tag gestiftet und war zukünftig noch in jenen Häusern in der Erfurter Michaelisstraße zu etablieren, die Amplonius vom Rat der Stadt für sein Collegium überlassenen worden waren.

Und: Was für ein eigentümlich privater Rahmen, an diesem ersten Mai des Jahres 1412, an dem Amplonius fünf Männer zur Abendstunde in seine Stiftskurie gerufen hatte, um den folgenreichen Rechtsakt zu voll-ziehen und die epochale Schenkung zu beurkunden.

Dieses Haus, in dem sich die Männer einfanden, lag mitten in Köln auf dem Gelände des Stiftes St. Aposteln. Das Stiftsgelände, die sogenannte ‚Immunität‘, war eine Welt für sich: Die vielfältigen Geräusche der Stadt wurden gedämpft durch die hohen und alten Mauern, die das Gelände umgaben. Hinter dem mächtigen romanischen Chor der Kirche erstreckten sich die Reste der römischen Stadtmauer, die die Immunität vom stets belebten Neumarkt abtrennten.

Hier also lebte Amplonius seit den späten 1390er Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 1435 – mit Unter-brechungen – für etwa vier Jahrzehnte in einem der schmalen hohen Häuser der Stiftsherren, einer soge-nannten Kurie. Ich vermute, dass es ein ruhiges Haus gewesen ist, in dem kein Kindergeschrei zu hören war, obwohl Amplonius zu dieser Zeit Vater von vier kleinen Kindern war. Ich nehme nämlich an, dass Kunigunde von Hagen doch eher in einem standesgemäßen eigenen Haushalt in der Nähe lebte, zusammen mit den gemeinsamen Kindern, ihren Mägden, einer Amme und dem Hausgesinde. – Geld für eine doppelte Haus-haltsführung müßte vorhanden gewesen sein, da Amplonius ein vermögender Mann war und auch Kunigunde aus einer wohlhabenden Familie stammte.

Amplonius selbst, so glaube ich, bewohnte mit einem oder mehreren jungen Männern, die ihm als Schreiber und Sekretäre dienten, die Stiftskurie, die ich mir als das ‚Gehäuse‘ eines Gelehrten, als großes ‚Arbeits-zimmer‘ und Bücherlager vorstelle.

Wer am Anfang des 15. Jahrunderts in das Kölner Haus des Amplonius eintrat und so die Geräusche und Gerüche der Stadt hinter sich ließ, der muss sich in einer ganz eigenen ‚Welt’ wiedergefunden haben. Schon im Flur wird sich der Geruch der frischen Binsen oder Ruten, mit denen die Dielen üblicherweise ausgelegt waren, mit anderen eigentümlichen Gerüchen des Hauses vermischt haben: Mit dem Geruch von exotischen und einheimischen Gewürzen und Kräutern, die Amplonius als Zutaten für seine Medikamente dienten, und von denen er sicherlich stets ein wenig auf Vorrat zur Hand hatte. Aber auch mit dem Geruch der vielen Bücher: Dem Geruch von trockenem Leder, Papier und Pergament.

Überhaupt, die vielen Bücher: Rund 18 bis 20 laufende Meter, mindestens 633 Bände aller universitären Wissensgebiete, von der Mathematik und Astronomie über die Naturphilosophie und Medizin bis zur Theo-logie, hatte Amplonius bis 1412 mit höchster Kennerschaft und Liebe zum Detail zusammengebracht – so weist es der Katalog der Bibliothek aus, den Amplonius mit eigener Hand um 1410/12 abgeschrieben hatte. Kein Text in dieser Büchersammlung war wie der andere, auch wenn auf den ersten Blick die Standard-autoren mittelalterlicher Theologie, Naturphilosophie und Medizin in vielfachen Ausgaben und vermeintlich doublett vorhanden waren. Beim genaueren Hinsehen offenbarte sich dem Kenner jedoch, dass es Amplonius während der vergangenen rund dreißig Jahre seiner Sammeltätigkeit gelungen war, unterschied-lichste Übersetzungen, Kommentare und Textzusammen­stellungen seiner Lieblingsautoren zusammenzu-tragen und so seiner Sammlung ein einzigartiges Profil von schwer zu übertreffender inhaltlicher Qualität zu geben: Nein, hier war wahrlich kein Text wie der andere, hier waren die besten Textausgaben versammelt, die auf dem Büchermarkt in den letzten Jahrzehnten zu haben gewesen waren!

Doch Amplonius, der Hausherr, war nicht nur Bücherliebhaber, sondern auch ein praktizierender gelehrter Arzt, in dessen Haus sich Gefäße und Gerätschaften für die medizinische Praxis befunden haben müssen: Neben Gläsern für die Urinschau und anderen Utensilien verfügte Amplonius wahrscheinlich über zahlreiche astronomische Geräte wie Astrolab, Quadrant und Sonnenuhr, um jene astronomischen Konstellationen berechnen zu können, die es ihm nach antik-mittelalterlichem Verständnis erlaubten, den rechten Be-handlungszeitpunkt für die angemessene ärztliche Methode zu wählen.

Amplonius hatte nun an diesem späten Nachmittag dieses ‚Sonntag Cantate‘ fünf Männer aus seinem engsten Umfeld um sich versammelt, die den Rechtsakt bezeugen sollten: Es waren dies sein Bruder Petrus und die beiden jüngeren Verwandten Gerhard von Berka und Johannes Wijssen sowie der Dekan des Stiftes St. Aposteln, Magister Johannes de Stummel. Als Notar fungierte der Mainzer Kleriker Hartung Pletzichen de Rodenberg.

Die Konstruktion, die Amplonius für die Bibliotheksstiftung wählte, ist genial zu nennen, zumal sie wohl bis in die Gegenwart ‚hält‘. – Über eine juristisch korrekte Auflösung der Stiftung ist bisher jedenfalls noch kein Nachweis geführt worden.

Amplonius, der Kleriker der Erzdiözese Köln und Professor der Kölner Universität, errichtet nämlich seine Stiftung eben nicht auf dem Gebiet des Erzbistums oder in der Stadt Köln. Und schon gar nicht verbindet er seine Stiftung unmittelbar mit einer Universität, sei es die Kölner oder die Erfurter. Und dies ist sehr weise, denn hatte nicht bereits die Bibliotheksstiftung des Marsilius von Inghen in Heidelberg keine 20 Jahre zuvor gelehrt, wie rasch eine solche Büchersammlung nach dem Tode des Stifters sang- und klanglos in einer Universitätsbibliothek aufgehen konnte?

Amplonius verhält sich klüger, oder sagen wir besser, er hatte ausgezeichnete juristische Berater, die eine ge-schickt verschachtelte Konstruktion ersonnen hatten: Die Stiftung eines Kollegs, das Eigentümerin der Biblio-thek wird, durch einen kölnischen Kleriker und Universitätsangehörigen für Studenten aus dem Kölner Erz-bistum, die dem Kölner Metropoliten eid- und gehorsamspflichtig waren, obgleich das Collegium selbst im Universitätsviertel der Stadt Erfurt, in der Erzdiözese Mainz, lag. – Damit waren auf einem Fleck so viele Parteien mit potentiell widerstreitenden Interessen versammelt, dass letztlich allen irgendwie die Hände gebunden waren, hätten sie Übergriffe in die Autonomie des Collegiums versuchen wollen …

Die Verlagerung der Stiftung nach Erfurt bot zudem weitere erhebliche Vorteile: Die Stadt tat viel dafür, um diese Stiftung zu bekommen, und bot Amplonius immerhin zwei große Häuser in bester Lage, nahe der Uni-versität an, um dort sein Collegium zu beheimaten. Für Amplonius selbst dürften Erfurt und seine Universi-tät als Ort seiner Stiftung aber auch noch aus einem anderen Grund interessanter als Köln gewesen sein: Die Stadt war wesentlich kleiner, die vom Rat stark geförderte Universität befand sich noch im Aufbau. Hier konnte seine Stiftung sehr viel besser zur Geltung kommen, als im saturierten Köln, hier waren sehr viel weniger Menschen einflussreich genug, um ihm oder seiner Stiftung schaden zu können.

– Amplonius tat also einiges dafür, dass seine Stiftung wirklich eine ewige wurde! Der Clou des Ganzen ist jedoch, dass es Amplonius mit der am 1. Mai 1412 vollzogenen Überführung seiner Privatbibliothek in eine Stiftung möglich wurde, seine Büchersammlung, die er mit so viel Ehrgeiz und Sachverstand über Jahrzehnte aufgebaut hatte, sein geistiges Erbe also, auf Dauer als Einheit zu erhalten und es vor begehrlichen Über-griffen oder unautorisiertem Zugriff zu schützen. Amplonius errichtete am 1. Mai 1412 eine Stiftung, die es ihm ermöglichte, sein Eigentum an den Büchern aufzugeben, ohne seinen für ihn ideell sicher kostbarsten Besitz zu verlieren: Denn der Stifter behielt sich den Nießbrauch der Bibliothek bis zu seinem Tode vor.

Auch für die Stadt Rheinberg und ihre Bewohner war die Stiftung der Bibliothek, aber viel mehr noch die Begründung des Collegiums zur Himmelspforte eine große Chance. Denn auch wenn es von 1412 an noch mehr als zwanzig Jahre dauern sollte, ehe das Collegium richtig ‚lief‘, so ermöglichten die 9 Collegiaten-stellen, die Rheinberg zur Besetzung zustanden, doch vielen jungen Männern aus dieser Stadt ein Universi-tätsstudium in Erfurt. Junge begabte Männer, die sonst die Mittel für ein Studium vielleicht gar nicht hätten aufbringen können. Die Stadt Rheinberg selbst profitierte in zweierlei Hinsicht von diesen Stipendien: Die Stadtschule, die seit mindestens 1337 bestand, wurde enorm aufgewertet, da durch die Stiftung des Amplonius gesichert wurde, dass ihr Rektor ein gründlich in den ‚Artes liberales‘ ausgebildeter Akademiker war. – Denn jeweils ein Stipendiat der ‚Porta Coeli‘ musste nach dem Magisterexamen für vier Jahre als Rektor an die Rheinberger Stadtschule zurückgehen, bevor er sein Studium an einer der höheren Fakultäten in Erfurt fortsetzen durfte.

Amplonius, der selbst wohl ein großer Netzwerker gewesen ist, legte so die Grundlagen für ein neues akade-misches Netzwerk, in dessen Zentrum Rheinberg und die ‚Porta Coeli‘ standen: Gut ausgebildete junge Rheinberger rekrutierten den Nachwuchs für das Colleg in der heimatlichen Schule. Den ausgebildeten Rheinberger Akademikern standen nach ihrem Studium dann manigfaltige Karrieremöglichkeiten in Kirche, Universität und Gesellschaft offen. Waren Sie erst einmal beruflich und gesellschaftlich etabliert, so konnten sie jüngere Angehörige dieses Rheinberger Netzwerkes weiter fördern, mit denen sie in der Regel auch ver-wandtschaftlich in irgendeiner Weise verbunden gewesen sein dürften, denn auch in Rheinberg waren die gesellschaftlichen Kreise zweifelsfrei relativ geschlossen!

Doch kommen wir zurück zum 1. Mai, zum ‚Sonntag Cantate‘ des Jahres 1412.

Mit dem Schenkungsakt, dessen 600hundersten Jahrestag wir nun begehen können, wurde aus der privaten Büchersammlung des Amplonius eine durch Stiftungsrecht geschützte Institution, die noch heute als ‚Bibliotheca Amploniana’ Bestand hat.

Diese Bibliotheksstiftung im Verein mit der Stiftung des Studienkollegs ‚Zur Himmelspforte’ (‚Ad Portam Coeli‘) verlieh dem intellektuell wie materiell reich begüterten akademischen Aufsteiger bürgerlicher Her-kunft, dem Dr. med. Amplonius Rating aus Rheinberg, aber nicht nur gesellschaftlichen Ruhm und Glanz als großzügiger Spender. Diese Stiftung sicherte ihm darüber hinaus auch einen bedeutenden Platz in der Bildungs- und Bibliotheksgeschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit.

Die Stiftung des Jahres 1412 hat aus Amplonius de Berka eine bedeutende Figur der europäischen Kultur-geschichte gemacht, und ihm, dem ehrgeizigen Sammler, ein Stück Unsterblickeit verliehen. Doch, und da bin ich mir ziemlich sicher: Genau das hatte Amplonius letztlich wahrscheinlich auch irgendwie so gewollt.

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Rede von Frau Dr. Brigitte Pfeil am 6. Mai 2012 auf dem Festakt der Stadt Rheinberg zum Jubiläum „600 Jahre Amplonianische Stiftung“.

Breite Unterstützung der Amplonius-Pläne

Amplonianische Bildungsoffensive: Einstimmiger Beschluss des Rheinberger Rates bringt die Schule nach vorn!

Rheinberg, 20. April 1433             Der Rheinberger Bürgermeister (!) hat einen Antrag in den Rat eingebracht, um das bildungspolitische Amplonius-Projekt tatkräftig und nachhaltig zu unterstützen.

Der Plan des Rheinberger Bürgers Amplonius besteht darin, der Lateinschule seiner Heimatstadt durch großzügige finanzielle Unterstützung bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen und somit neun ihrer erfolgreichen Absolventen mit der Hochschulreife den Einstiegt in die akademische Welt zu ermöglichen.

Talentierte Lateinschüler sollen die Möglichkeit erhalten, in Erfurt an der dortigen Universität zu studieren. Die zu fördernden jungen Rheinberger erhalten durch Amplonius‘ Großzügigkeit Kost und Logis im Haus „Zur Himmelspforte“, das seiner Stiftung „Collegium Amplonianum“ gehört, und sie können zudem für ihr Studium in Erfurt die berühmte Bibliothek des Amplonius benutzen, eine der größten privaten Büchersammlungen nördlich der Alpen, die für ihr breit angelegtes Wissensspektrum bekannt ist.

Nicht genug damit, dass Amplonius für sein „Collegium Amplonianum“ in Erfurt eine große Geldsumme zur Verfügung stellt, – nein, er weiß auch, dass „seine“ Rheinberger von allein „nicht in die Pötte kommen“. Also nimmt er erneut Geld in die Hand und schenkt es seiner Heimatstadt, verknüpft aber seine großzügige Gabe von 300 Goldgulden mit der Maßgabe, dass die Rheinberger ihre ehrwürdige Lateinschule davon unterhalten und „allewege tot ewigen tyden“ einen Rektor besolden, der den Kandidaten für die Amplonius-Stiftung durch qualifizierten und zielführenden Unterricht das erforderliche Rüstzeug für das Studium in Erfurt vermitteln soll.

Um sicherzustellen, dass dieser Rektor die erforderlichen Voraussetzungen erfüllt, muss er Magister aus dem Erfurter „Collegium Amplonianum“ sein und vor allem aus Rheinberg stammen. Er muss seiner Aufgabe in der Heimatstadt für vier Jahre nachkommen und kehrt dann zum Abschluss seiner eigenen Studien in die „Himmelspforte“ zurück.

Der Rat der Stadt Rheinberg hat in seiner Aussprache zu dem Amplonius-Projekt die einmalige Chance erkannt und gewürdigt, die Amplonius den Söhnen der Stadt bietet, und stimmt in großer Einmütigkeit „vor ons ind onse Nakomelinge“, für uns und unsere Nachkommen, diesem Vorhaben zu. Damit gelingt im Bildungsbereich ein großer Sprung nach vorn …

Was lehrt uns das? Wer für seine Jugend Bildung, gute Bildung will, muss auch etwas dafür tun! Und ihr die materiellen Bedingungen ermöglichen!

Dieser Beschluss vom 20. April 1433 – also vor 590 Jahren! –  ist in einer langen Urkunde dokumentiert – die der geneigte Leser auf der Homepage der Stiftung Amplonius Novus (www.amplonius-novus.de) im Anschluss an diesen Text nachlesen kann.

Der Eid der Rheinberger vom 20. April 1433

„Wy Burgermeistere Schepen Rade ind die gantze gemeynde der Stat Berke doen kond allen luden ind bekennen ouermitz desen apenen brieue vor ons ind onse Nakomelinge: So as die Ersame Her Amplonius Ratinck van Berke in den vryen kunsten Meister ind der kunsten van artzedyen Doctoir onse medeburger wille heuet, eyn Collegium to maken van der goitz gnaden tot Erfforde in der hogen schvlen ind ons ind der Stat Berke darynne to geuen tot ewigen tyden vor onser Burger kindere etzliche stede ind prouende mit namen Negen ind vp dat onser Burger kindere to den Collegium ind tod allen andern lerongen bequeme ind na oren Jairen waill geleert und tuchtich van seden werden; Also syn wy Burgermeistere Schepene ende Rade der Stat Berke vorschreven eyns worden mit den vorschreven meyster Amplonio ind hebben angesien mit vorwailbedachtem rade den guten wille gunste and liefde, die meister Amplonius vorschreven tod ons ind der stat Berke heuet, ind hebben van ome entfangen ind genomen drie hondert rynscher gulden der vier kurfürsten by den Ryn guet uan golde und swair van gewichte: die wy oick in vrber ind nutte der stat Berke gekiert hebben, dairvan wy den vorschreven meister Amplonium mit desen brieue quyten in der maten als hyrna geschrieuen steit. To den yrsten soelen wy allewege tot ewigen tyden eynen schoelmeyster halden onse kinder to leeren in kunsten ind seden, willich schoelmeister sal syn eyn meister in den vryen kunsten, ein waill geleert meister und erber van leven van der hoger scholen van Erfforde ind van den Collegio vorschreven. Deme schoelmeister soelen wy alle jair geuen tod ewigen tyden Achtyen gulden in guden Rynschen golde als vorschreben is; als Negen gulden bynnen den neesten vertyen dagen na paeschen ind die ander Negen gulden bynnen den neesten vertyen dagen na sente michaele. Ind wy soelen den schoelmeister tertyt vti ind vredelich laten vor syn wonynge onse schole mit alle oerre tobehoringe, utgescheden die Raitkamer mit oerre schedingen. Ind die Schoelmeister tertyt sal die schoele regiren na deme, as dat beschriuende wirt Meister Amplonius vorschreven ind die schoelmeister vorschreuen en saI geyn rewys Schriuer wesen onser ind der Stat Berke, mer to den Schriueampt soelen wy eynen andern bisonder hebben, up dat die Schoelmeister ongehendert stedes der schoelen moege vorwesen. Ind die schole mit oerre tobehoringe soelen wy as dicke des noet wirt in dake wenden ind redeliken buwe halden, ind die schoelmeister sal alle jair van eynem Schoelre heymsch off vreemde, die nyet stedes broit en biddet, to leren vor syn loen hebben tyen gude witpennynge, inder tyt to Berke ginge ende geue off dair vor oern wert, ind van eynen, die stedes broit biddet, vyff witpenninge asz vorgeschreven steit. Ind tot allen halven jairen soelen wy den schoelmeister helpen dat eme syn loen sonder verdriet ind vor der manynge guetliken werde betailt off utgepant na onsen vermoegen. Ind in den eirsten inganck sal die rike geuen enen witpennynge vorschreven ind die arme eynen halven witpennynge, ind hyr en bauen soelen die schoelre nyet vorder besweirt syn in gelde dat den schoelmeister to nutte komen solde.

Alle dese vorgeschreuene artikele ende punte in der eyn ygelich bisonder gelaven wy Burgermeister Schepene Rade ind die gemeyne Burgere der stat Berke vorschreuen vor ons ind onse Nakomelinge in guden truwen uaste stede ind onverbrekelich to halden, alle argeliste ende geuerde hyrynne utgescheden, ind dis alle tot orkonde ind in getuge der wairheit hebben wy dat meeste sigele onser stat van Berke mit onsen volkomen wist ende consent an desen brieff doen hangen. Datum Anno dni Millesimo Quadringentesimo Tricesimo tertio die vicesima mensis Aprilis.“

April 2023

Johannes Mesuë, „De simplicibus medicinis“ (und andere Werke), Italien Anf. d. 14 Jh., UB Erfurt, Dep. Erf. CA. 2° 277 Johannes Mesuë, eigentlich Abu Zakarīyā Yūḥannā ibn Māsawaih, (* um 777 in Khuz bei Ninive als Sohn eines Apothekers; † um 857 in Samarra), war ein bedeutender syrischer Arzt, Schriftsteller („Aphorismen“) und Übersetzer. Er war unter dem Kalifen Hārūn ar-Raschīd Leiter eines Krankenhauses; später wurde mit der Leitung der Übersetzungstätigkeiten im Haus der Weisheit in Bagdad betraut.

März 2023

Die Reihe der Kalenderblätter, die im vergangenen Jahr begonnen wurde, wird mit Seiten aus dem Amplonius-Kalender 2023 fortgesetzt. Es heißt jetzt also wieder: „Mit Amplonius durch das Jahr!

Das hier vorgestellte Kalenderblatt für den März 2023 stammt aus einem Aristoteles-Kommentare des Averroes: „Item commenta commentatoris Averroys optima cum textu suo Arabico … super octo libris phisicorum Aristotelis / super tribus libris de anima Aristotelis / super quatuor libris de celo et mundo Aristotelis / super duobus libris de generacione et corrupcione Aristotelis”, Frankreich (?) 1. Drittel des 14. Jh., UB Erfurt, Dep. Erf. CA. 2° 351

Averroes, so der latinisierte Name für Abū l-Walīd Muhammad ibn Ahmad Ibn Ruschd (kurz: Ibn Ruschd), wird 1126 in al-Andalus (Andalusien), in Córdoba, der Hauptstadt des gleichnamigen Kalifats und damals eine der größten Städte der bekannten Welt, geboren. Der Arzt, Jurist und Philosoph verfaßt Kommentare zu fast allen Schriften des Aristoteles, weswegen er im Mittelalter oft einfach nur „der Kammentator“ genannt wird (wohingegen Aristoteles als „der Philosoph“ bezeichnet wird).

Aristoteles als die Autorität des spätmittelalterlichen Geisteslebens nimmt mit seinen eigenen Werken in der „Amploniana“ – zum Teil in sehr aufwendigen Ausfertigungen – einen großen Raum ein, ebenso wie die sog. „pseudo-aristotelischen“ Schriften (z.B. UB Erfurt, Dep. Erf. CA.. 2° 263) und die in Latein abgefaßten Kommentare von Averroes. Amplonius besitzt mehr als 650 Einzelschriften von oder über Aristoteles.

Von Averroes liegen auch medizinische Schriften vor. Sein Hauptwerk zur Heilkunde, eine medizinische Enzyklopädie mit dem lat. Titel „Liber universalis de medicina“, hat die abendländische Medizin entscheidend beeinflußt. Hier befaßt sich der arabische Arzt mit den Themenbereichen Anatomie, Hygiene, Pathologie, Physiologie, Therapeutik etc. und ist für seine mittelalterlichen Nachfolger ausgesprochen wichtig.

Wichtige und kostbare Bücher wie der hier vorgestellte Band des Averroes werden vor Diebstahl geschützt und an die Kette gelegt. Der Averroes-Band ist also ein mittelalterliches „liber catenatus“. Außerdem trägt es auf dem Vorblatt den Besitzvermerk des Amplonius: „Iste liber est magistri Amplonii de Berka, qui emit eum ab executoribus magistri Io. de Wasia prumpto auro (!) anno siquidem 1402 in mense Marcio”.

Trauer um Franz-Walter Aumund

Amplonius Novus trauert um Franz-Walter Aumund, der vor wenigen Tagen verstorben ist.

Mit ihm verliert die Stiftung einen Freund und Unterstützer, der vor mehr als zehn Jahren als einer der ersten tatkräftig dazu beigetragen hat, den Stiftungsgedanken des mittelalterlichen Gelehrten Amplonius de Berka in der neuen Stiftung Amplonius Novus wieder aufleben zu lassen. Selber in eigenen Stiftungen engagiert, wußte Herr Aumund um die Sinnhaftigkeit und die Notwendigkeit gemeinnütziger Stiftungsaktivitäten im Bildungsbereich zur Förderung junger Talente.

Wir werden seiner stets dankbar gedenken.

Frohe Weihnachten!

Mit obigem Detail aus einer Handschrift der „Bibliotheca Amploniana“ wünscht die Studienstiftung Amplonius Novus allen Stifterinnen und Stiftern, Unterstützern und Freunden ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Übergang in ein hoffentlich friedvolles Jahr 2023. Für die vielfältige und hilfreiche Unterstützung der Stiftungsarbeit im zurückliegenden Jahr danken wir sehr herzlich!

P.S. Das Bild stammt aus einer Sammelhandschrift der „Bibliotheca Amploniana“ zur Astronomie. Datiert wird die Schrift auf die erste Hälfte des 14. Jh.; wahrscheinlich stammt sie aus Italien. Heutige Signatur: UB Erfurt, Dep. Erf. CA. 8° 84. Die Blätter 85 – 94‘ erhalten bei Schum den Titel „Alia collectio vaticiniorum“. Hier abgebildet ist, so Schum, „ein colorirter Engel in nicht gerade geschickter Ausführung.“ – Die „Bibliotheca Amploniana“ zeugt auch von dem großen Interesse des mittelalterlichen Sammlers Amplonius an Fragen der Naturphilosophie, der Mathematik und Astronomie, aber auch der Logik. So umfaßt die Bibliothek 110 Handschriften aus den Fächern Grammatik, Logik und Rhetorik und 187 Werke aus den Bereichen Arithmetik, Astronomie, Geometrie, Musik sowie Natur- und Moralphilosophie und Metaphysik. Im Vergleich dazu sehr bescheiden vertreten sind die Bereiche des kanonischen und zivilen Rechts mit nur 23 Handschriften.